Mit viel Herz und Verstand: Zu Gast beim Deutschunterricht für Flüchtlinge

Zusammen mit dem ehrenamtlichen Deutschlehrer Ricardo, ein Student der Uni Mainz, gehen wir in ein verlassenes Wohnhaus am Rande der Innenstadt von Mainz. Freundlich grüßen uns die neuen Bewohner dieser Anlagen mit Lächeln, oder erlernten deutschen Grußfloskeln. Sie sind allesamt offen und neugierig und freuen sich uns zu sehen. Motiviert durch den Willen einen sinnvollen Beitrag zur erfolgreichen Integration der neuen Mitbürger zu leisten, wird der zwei Mal wöchentlich stattfindende Deutschunterricht von zwei Studenten ehrenamtlich abwechselnd gehalten.  Wir betreten eine leere, verwinkelte Wohnung, in der sich lediglich ein paar Stühle und drei Tische befinden. Am Fensterrahmen angelehnt steht eine kleine Tafel, die sicherlich früher als Spielzeug zum „Lehrerspielen“ in einem Kinderzimmer gedient hat und heute als Medium im Deutschunterricht genutzt wird. Nacheinander finden sich die Teilnehmer ein und machen einen freundlichen und aufgeschlossenen Eindruck. Ricardo begrüßt sie freundschaftlich und bereitet währenddessen seinen Unterricht vor. Zunächst werden die von ihm mitgebrachten Süßigkeiten in die Mitte gestellt, sodass sich jeder daran bedienen kann. Dieses Ritual ist ihm besonders wichtig, denn er möchte eine Wohlfühlatmosphäre schaffen. Dass er mit vollem Herzen bei der Tätigkeit ist, wird sehr deutlich. Insgesamt befinden sich sechs Flüchtlinge unterschiedlicher Herkunft in diesem Raum. Die meisten sprechen arabisch und versuchen uns ein paar Floskeln vor dem Beginn des Kurses beizubringen. Sie sind erst seit ein paar Monaten in Deutschland, sprechen aber bereits ein paar Worte Deutsch. Insgesamt fühlen sie sich hier wohl, aber sie vermissen ihre Freunde, die sie zurücklassen mussten. Sie sind sehr dankbar, dass sie hier die Möglichkeit erhalten Deutsch zu erlernen, um endlich auch Anschluss zu finden. Zur Unterrichtskonzeption dient ein Deutschbuch, das allerdings nur mäßig hilfreich erscheint, da es vornehmlich die grammatikalischen Strukturen des Deutschen fokussiert. „Was bringt es denn wenn sie wissen, dass es der Akkusativ ist, aber sich keine Brötchen kaufen können zum Frühstück“, entgegnet Ricardo, denn genau darum geht dem engagierten jungen Studenten. Er möchte einen praktisch-orientierten Deutschunterricht bieten. Allerdings beutet dies das Anfertigen eigener Materialen. Letze Woche hat die Gruppe das Thema Einkaufen behandelt und diese Woche lernen sie eine Wohnung mit ihren Räumen und Gegenstände kennen. Es wird deutlich, wie herausfordernd ein Sprachunterricht ohne Vermittlungssprache sein kann. Aber es wird noch deutlicher, wie man diesen Herausforderungen mit Herz und Verstand entgegenwirken kann. Mit Händen und ganzem Körpereinsatz, um anhand von Bewegungen den Unterschied von „in der Nähe“ und „Weiter weg“ zu verdeutlichen sowie mithilfe von Zeichnungen von Gegenständen zur Erklärung unbekannter Wörter, gelingt Ricardo die Sicherstellung des Vokabulars. Die Schüler zeigen sich sehr interessiert und sind sichtlich dankbar über diesen Einsatz ihres Lehrers. Es macht Freude bei einem solch unkonventionellen Unterricht zuzuschauen, da es verdeutlicht, dass Herzlichkeit und Freundlichkeit Sprachen darstellen, die über Ländergrenzen hinweg verstanden werden. Die strahlenden Gesichter der kurz zuvor über teils lebensbedrohlichen Routen geflüchteten Menschen zu sehen, wenn sie ein Wort in ihre Sprache übersetzen können, ist ein unbeschreibliches Gefühl. Sie freuen sich, sind stolz und kommunizieren sehr gerne in ihrer neuen Sprache. Ricardo versucht viel Vorlesen zu lassen, um das Sprachgefühl zu sensibilisieren. Die deutschen Kasus sollen zunächst durch das Lesen eingeführt werden und zu einem späteren Zeitpunkt in Gänze thematisiert werden. Die Teilnehmer sollen die Sprache anwenden und das in lebensnahen Situationen. So lesen sie eine kleine Geschichte über das Haus einer Oma. Beim Vorlesen wird dem Muttersprachler die Tücken der eigenen Sprache bewusst und umso mehr Respekt empfindet man gegenüber den Neulernern, die sich sehr bemühen alle Wörter, insbesondere die deutschen Komposita, richtig betont zu verbalisieren. Geduldig lässt Ricardo jeden Schüler lesen und verbessert sie- stets als Freund. Es ist beeindruckend, wie man mit einfachsten Mitteln eine so schnelle Progression fördern kann, dass Menschen, die erst seit zwei Monaten mit Deutsch konfrontiert sind, fähig sind, Unterhalten zu führen. Einmal mehr wird deutlich, dass Engagement, Wille und Herz die Schlüssel zum Erfolg sind.

 

Hinterlasse einen Kommentar