Die Institutionalisierung der >schulischen Behinderung<

Angesichts der immer noch präsenten Inklusionsdebatte und der vielen existierenden Fehlannahmen möchte ich hier eine Aufarbeitung des Aufsatzes „Behinderung in der Schule, behindert durch Schule? Die Institutionalisierung der >schulischen Behinderung<“ des Soziologen J.W.Powell veröffentlichen. Ich hoffe euch damit zum Nachdenken über Klassifizierungen im Schulalltag anzuregen.

In seinem Aufsatz „Behinderung in der Schule, behindert durch Schule? Die Institutionalisierung der >schulischen Behinderung<“ geht Justin J.W. Powell von der Kernthese aus, dass Behinderung sozial konstruiert wird und keine Eigenschaft ist (2007, S. 321f.). Er bestimmt die Schule als den Ort, an dem schulische Behinderung, ein „kontinuierlich sich ausbreitender Prozess des Behindertwerdens durch eine offizielle Klassifizierung und Beschulung in räumlich getrennten und stigmatisierenden Einrichtungen“ (ebd., S. 321), geschaffen wird. Obwohl man die Konstruktion von Behinderung letztendlich auf menschliches Agieren zurückführen kann, betrachtet Powell die Schulstrukturen als Auslöser für Behinderungszuschreibungen (ebd., S. 322). Insbesondere kritisiert er diesbezüglich das sonderpädagogische Fördersystem, das zwar viele SuS individuell unterstützt, jedoch gleichzeitig Barrieren schafft, die exkludierend und stigmatisierend wirken und den Lernerfolg behindern (ebd.). Er spricht sich demnach für eine gemeinsame Beschulung aller SuS (Inklusion) aus.

Um der Frage nachzugehen, wie schulische Behinderung in diesem Ausmaß institutionalisiert werden konnte, betrachtet Powell die historische Entwicklung des Umgangs mit Behinderungen in Deutschland und den USA, wobei er wesentliche Unterschiede ausarbeitet. Generell betrifft eine Behinderung in beiden Ländern vorwiegend Schüler, ethnische Minderheiten und sozial benachteiligte Gruppen, wobei das System in den USA durchlässiger erscheint und diese die Inklusion und Integration fortschrittlicher umsetzen als Deutschland (Powell 2007, S. 327). Powell betrachtet das sonderpädagogische Fördersystem als exemplarisches Paradigma „für eigendynamische institutionelle Prozesse der Verstärkung existierender Organisationformen im Bildungswesen“ (ebd., S. 328). Er verweist an dieser Stelle auf die Eigenschaften des Institutionalismus, menschliche Erwartungshaltungen, hier gegenüber Behinderten, vorzustrukturieren/zu reduzieren und darauf, dass das Fördersystem durch seine Organisation alle Angehörigen des Bildungssystems mit von ihnen erstellten Werten behaftet und sich somit profiliert (ebd.). Powell betrachtet die stabilisierenden Faktoren auf kulturell-kognitiver, normativer und regulativer Ebene (ebd., S. 329f.). Ersteres meint die gesellschaftlichen Behinderungsparadigmen, die darin bestehen, dass nur eine Teilinklusion angestrebt wird (ebd., S. 331). In den USA gibt es Förderklassen, während in Deutschland Sonderschulen etabliert sind (ebd., S. 327). Dass Behinderung zugeschrieben wird, lässt sich am Vorgehen bezüglich der Feststellung des Behindertseins beider Länder erkennen. In Deutschland basieren Behinderungszuschreibungen auf Schulnoten und Lehrerempfehlungen, wohingegen in den USA psychometrische Tests angewandt werden (ebd., S. 331). Dies zeigt, dass keine einschlägigen Verfahren existieren. Der Mangel an Objektivität wird ebenfalls auf normativer Ebene sichtbar. Obwohl allen Sonderpädagoginnen/-pädagogen die Norm auferlegt ist, jedem Kind individuell zu helfen, zeigen empirische Untersuchungen, dass regionale Unterschiede zwischen den Schüleranteilen an den deutschen Sonderschulen, sowie den Integrationsraten von Förderbedürftigen existieren (ebd., S. 332f.). Im Gegensatz dazu findet in den USA wesentlich mehr Inklusion statt, die regional jedoch auch variiert. Es gibt demnach keine eindeutig klassifizierbare, konstante Gruppe von Kindern mit Förderbedarf, was wiederum für eine soziale Konstruktion der Behinderung spricht. Dies zeigt darüber hinaus ein rechtlich festgelegtes Schulranking in den USA. Nach der Regel „alle werden mitgenommen“ müssen alle Kinder so gut wie möglich beschult werden. Da die Schulen jedoch danach beurteilt werden, wie gut sie dies tun, sortieren sie gleichzeitig diejenigen aus, die nicht mitkommen. (ebd., S. 334f.). Allen Aussortierten wird eine Behinderung zugeschrieben; somit spricht das vom Rechtsystem festgelegte Wettbewerbssystem Behinderungen zu.

Aufgrund der großen Unterschiede zwischen und innerhalb der Länder, bezüglich der Umsetzung von Inklusion/Integration und der Feststellung von Behinderungen, bezweifelt Powell die natürliche Existenz von Behinderungen. Diese werden lediglich bedingt durch gewisse Schulstrukturen erzeugt. Daraus lässt sich schließen, dass er auch den Förderbedarf an sich infrage stellt. Förderschulen und Förderkräfte sind nutzlos, da alle SuS gemeinsam beschult werden können, was der Position entgegen steht, dass lediglich Sonderpädagoginnen und –pädagogen mit Behinderungen umgehen können (ebd., S. 333). Hier lässt sich ableiten, dass Behinderungen von der Sonderpädagogik zugeschrieben werden, um das bestehende System zu erhalten und sich selbst als Disziplin zu begründen. Um allen SuS Chancengleichheit und Partizipation zu ermöglichen, müssen die Barrieren abgebaut werden, die ausschließend wirken (ebd., S. 338). Demnach muss das bestehende Schulsystem mit separierenden oder segregierenden Förderkomponenten durch inklusionstechnisch gut ausgebildete Lehrkräfte ersetzt werden.

Powell, J.W. Justin (2007): Behinderung in der Schule, behindert durch Schule? Die Institutionalisierung der >schulischen Behinderung<. In: Waldschmidt/Schneider (Hg.): Disability Studies, Kultursoziologie und Soziologie der Behinderung. Erkundungen in einem neuen Forschungsfeld, Bielefeld: transcript Verlag, S. 321-343.

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