Die Bildungsministerin Vera Reiß über Chancengleichheit und Aufstieg durch Bildung

Am Donnerstagsabend als Gast zu einer öffentlich zugänglichen Mitgliederversammlung in die Mainzer Neustadt geladen, referiert die Bildungsministerin in einer gemütlichen Runde am runden Tisch über aktuelle bildungspolitische Themen und zukünftigen Herausforderung des Bundeslandes sowie der Republik. Zu Beginn ihres Vortrags skizziert die junge Politikerin die historische Entwicklung bildungspolitischer Entscheidungen dieses Landes und verweist auf die erfolgreiche Implementierung des Ganztagsschulkonzepts sowie der Verankerung im Schulgesetz, dass sodann die Eltern über die Inanspruchnahme des inklusiven Bildungsangebots für ihr Kind entscheiden.

Ganztagsschulkonzept: Schule als Lern- und Lebensort

Sie betont die Wichtigkeit der Öffnung der Schulen und unterstreicht die positive Resonanz dieses Konzepts und spricht in diesem Zug von einem neuen pädagogischen Konzept, das hiermit einhergehe. Konkretisiert werden die Einzelheiten dieser neuen Pädagogik in der praktischen Gestaltung im täglichen Umgang in Bildungseinrichtungen aber recht offen: eine Pädagogik der Vielfalt verberge sich dahinter. Der Ausdruck „pädagogisches Konzept“ erscheint mehr als Synonym der inklusiven bildungspolitischen Richtung verwendet. Auf die Frage, inwiefern die Lehrerausbildung auf die Inklusionsbewegung ausgerichtet werde und über Maßnahmen, um gegenwärtige Lehrkräfte auf die sich verändernde Schulkultur vorzubereiten, betont die Bildungsministerin die Fortschrittlichkeit des Bundeslandes, da man kein Lehramt studieren könne, ohne mit dem Konzept der Inklusion in Berührung zu kommen. Dies scheint erfüllt, allerdings stellt sich die Frage ob theoriebezogene Kenntnisse über den Hintergrund, die Bedeutung und Ursprünge dieses Gedanken ausreichen, um in der Realität einen qualitativen inklusiven Unterricht zu gestalten. Als Maßnahme seinen entsprechende Praktika in speziell ausgewählten Schulen denkbar, die bereits während des Studiums den Kontakt mit umgesetzten inklusivem Unterricht ermöglichen sollen. Wichtig ist der Bildungsministerin eine einkommens- und herkunftslandunabhängige Bildung, ein Aspekt, den sie immer wieder betont. Sie lehnt nach wie vor Studiengebühren sowie Kitabeiträge ab und ist gewillt diese Entscheidung, wie sie sagt, zu verteidigen. An dieser Stelle wird ihr Vortrag wohl ebenfalls etwas zum Aufzeigen der Vorzüge der SPD gegenüber ihres Konkurrenten der CDU genutzt. Das sogenannte Bildungsbuch der CDU hatte sie extra zur Ansicht in ausgedruckter Form mitgebracht und kontrastierte hieran die Bildungspolitik ihrer Partei. Ihr ginge es um chancengleiche Bildung und darum am Konzept der Ganztagsschulen auch zukünftig festzuhalten, damit Schule zum Lern- und Lebensort wird.

Integration und Ausbildung von Flüchtlingen

Angesichts der gegenwärtigen Ströme von schutzsuchenden Menschen, die aufgrund bedrohlicher Zustände in ihrem Heimatland aus diesem flüchten, wird die aktuelle Debatte von ihr aufgegriffen. Sie berichtet von ihrem Engagement hinsichtlich der Umsetzung der schulischen sowie akademischen Integration dieser heterogenen neuen Bürger und lobt die Tatkräftigkeit der Rheinlandpfälzer in dieser Angelegenheit. Durch die Unterstützung von Frau Reiß sei es nun möglich, dass diese Menschen als Gasthörer am universitären Leben teilnehmen und durch ehrenamtliche Dolmetscher begleitet werden. Zudem präsentiert sie die schulischen Maßnahmen der Deutschintensivkurse von 15-20 Stunden in der Woche. Gleichzeitig sollen diese Kinder an Unterrichtsfächern teilnehmen, für die ihrer Ansicht nach, keine Deutschkenntnisse von Nöten wären. Zusätzlich zu den von Lehrkräften durchgeführten Sprachkursen wird sodann die Teilnahme an den Fächern Musik, Sport und Kunst ermöglicht. Dieses Konzept schildert sie abgrenzend zum Vorschlag der CDU, die hierbei zu Vorklassen für diese Kinder rät, in denen sie solange zusammen lernen, bis sie die deutsche Sprache beherrschen und schließlich einer Schule zugeteilt werden. Diesen Vorschlag lehnt die Bildungsministerin vehement ab, da sie eine Verhinderung des sozialen- und emotionalen Ankommens dieser Kinder sehe. Allerdings bleibt Frau Reiß in diesem Punkt auch realistisch, in dem sie darauf aufmerksam macht, dass die Lehrkräfte und Schulen in ihrer Organisation derzeit vor hohen Anforderungen stehen, die sie bemerkenswert gewillt zu erfüllen anstreben. Möglich sei in Zukunft eine Lockerung hinsichtlich der Qualifizierung der Kräfte, die den Deutschunterricht als Fremdsprache erteilen. So könne es in Zukunft denkbar sein, dass hierzu kein zusätzliches Zertifikat DaF (Deutsch als Fremdsprache) mehr nötig sei. So reagiere sie in unkonventionellen Zeiten eben mit unkonventionellen Maßnahmen, begründete sie diese Idee. Der Besuch der Bildungsministerin verdeutlichte noch einmal, das das Thema der Bildung so aktuell wie wahrscheinlich noch nie war- die Politik reagiert auf die Belange der Bürger, die sicherlich auch gefördert durch den Zustrom geflüchteter Schicksale an hohe Bedeutung gewinnen.

Vielen Dank an dieser Stelle an Frau Reiß für ihren informativen Gastbeitrag zur aktuellen Bildungsdebatte in offener Runde. Denn wenn über Bildung gesprochen wird, wird gleichzeitig über Menschen entschieden und Schicksale bestimmt. Es scheint daher sehr begrüßenswert das Thema Bildung wieder stärker unter diesem Gesichtspunkt zu fokussieren und nicht als Mittel zur Reproduktion einer der leistungsstarken Bevölkerungsmaße zur Sicherstellung der ökonomischen Stärke des Landes.

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